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Geschichten aus der SAW

«Unsere Menschlichkeit wird geschätzt»

Samuel Müller hat Erfahrung im Umgang mit dem Tod: Seit 19 Jahren arbeitet er beim Bestattungs- und Friedhofamt der Stadt Zürich. Früher als Bestatter, heute als Leiter des Kompe­tenz-Zentrums, das Bestattungs­wesen und Friedhöfe weiterentwickelt.

«Unsere Aufgabe beim Bestattungs- und Friedhof­amt ist zu helfen. Wir unterstützen Angehörige in einer einschneidenden Zeit – professionell, respektvoll und menschlich. Die Trauer und das Leid können wir ihnen nicht nehmen, aber wir können sie ein Stück weit begleiten. Dafür erleben wir viel Dankbarkeit bei unserer Arbeit.
 
Für Angehörige ist ein Todesfall eine grosse Herausforderung. Neben der Trauer und dem Leid gilt es, wichtige Entscheidungen zu treffen. Etwa ein Drittel der Angehörigen, die bei uns in der Beratung sind, weiss nicht, wie die verstorbene Person bestattet werden möchte. Je weniger Klarheit es zu dieser und anderen Fragen gibt, desto eher sind die Angehörigen überfordert.
 
Deshalb legen wir allen Menschen nahe, sich über ihre Wünsche im Todesfall Gedanken zu machen und mit ihrem Umfeld darüber zu reden. Einwohner*innen der Stadt Zürich können bei uns einen Bestattungswunsch hinterlegen. Zurzeit sind 22’236 solcher Wünsche bei uns dokumentiert.
 
 
Veränderungen auf dem Friedhof
Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte haben sich die Wünsche verändert. Anstelle einer Bestattung im klassischen Reihengrab wählen heute viele die Beisetzung im Gemeinschaftsgrab. Immer wichtiger­ werden auch unsere Themen-Mietgräber wie Stau­dengarten, Baumhain oder Pfingstrosen. Das sind spezielle Gemeinschaftsgräber zum Mieten, die gewisse Elemente des Reihengrabs beinhalten: Es gibt eine Inschrift und einen persönlichen Ab­lageort für Blumen und Erinnerungen, aber keine individuelle Bepflanzung und keinen Grabstein.
 
Eine weitere Entwicklung ist, dass immer mehr Angehörige die Urne mitnehmen. Da stellt sich für uns die Frage, warum – ob diese Menschen die Asche verstreuen, was in der Schweiz erlaubt ist, oder ob sie auf unseren Friedhöfen nicht die richtige Art von Grab gefunden haben. Als Leiter des Kompetenz-Zentrums im Bestattungs- und Friedhof­amt ist es unter anderem meine Aufgabe, die Grabtypen weiterzuentwickeln, damit wir für möglichst viele Menschen ein stimmiges Angebot haben.
 
 

«Etwa ein Drittel der Angehörigen weiss nicht, wie die verstorbene Person bestattet werden möchte.»

Samuel Müller
 
 
Mit der Endlichkeit umgehen
Ich weiss, es ist nicht immer einfach, sich mit Bestattungsarten und Grabtypen zu befassen. Das habe ich selbst erlebt, bei meinen Eltern. Wenn man über Bestattungswünsche spricht, haben einige Menschen das Gefühl, der Tod sei dann näher. Ich sehe das anders: Man nimmt damit den Angehörigen in unbestimmter Zukunft eine grosse Last ab. Wir wissen alle, dass das Leben endlich ist. Dieses Wissen darf man ruhig irgendwo im Hinterkopf haben. Mir hilft es sogar, das Leben, die schönen Momente, bewusster zu geniessen.
 
In unserem Team vom Bestattungs- und Fried­hof­amt müssen wir lernen, uns abzugrenzen. Als mein Sohn zur Welt kam und ich vom Vaterschaftsurlaub zurückkehrte, führte mich mein erster Einsatz ins Kinderspital. Das war wirklich schwierig. Ich musste mir ganz bewusst sagen: ‹Jetzt muss ich professionell sein. Meinem Sohn geht es gut. Ich kann nicht beeinflussen, welche Menschen sterben.›
 
Nach einer emotionalen Beratung helfen uns kleine Rituale wie ein kurzer Spaziergang oder das Lüften des Besprechungszimmers. Und wenn jemand aus dem Team an seine Grenzen stösst, tauschen wir auch mal Aufgaben ab. Wir sind auch nur Menschen. Und am Ende ist es genau diese Menschlichkeit, welche die An­ge­hörigen an uns schätzen.»