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Geschichten aus der SAW

« Die Entschuldigungen helfen mir loszulassen »

Katherine Flück hat eine Kindheit voller Gewalt und ein Leben voller Diskriminierung hinter sich. Heute kämpft sie für Gerechtigkeit – nicht nur für sich, sondern für alle, die Ähnliches erlebt haben.

Katherine Flück wohnt in der SAW-Siedlung Mittelleimbach. Mit ihrer Wohnung, der Siedlung und der Nachbarschaft ist sie glücklich. « Wir schauen aufeinander. Wenn jemand ins Spital oder Pflegeheim muss, dann besuchen wir uns », sagt sie. Sie führt ein aktives Leben, macht Sport, besucht Kultur-Veranstaltungen und pflegt ihre Balkon-Pflanzen. « Gerade weil ich früher alles nicht durfte, geniesse ich es heute umso mehr », sagt sie.

 

Ihr und den anderen Mietenden der Siedlung steht eine grosse Herausforderung bevor  : Voraussichtlich ab 2030 saniert und erweitert die SAW die Siedlung Mittelleimbach. Die Mietenden werden daher in ein paar Jahren ausziehen müssen – beispielsweise in eine andere SAW-Siedlung. Die Fachpersonen der SAW-Vermietung werden mit den Mietenden nach guten Lösungen suchen. Flück versucht, sich nicht auf Vorrat Sorgen zu machen : « Ich mag die Siedlung sehr. Aber ich weiss, dass ich sie auch loslassen und mich an einem neuen Ort einleben kann. »

 

Gewalt und Schuldzuweisung
Flück denkt positiv. Das ist alles andere als selbst­verständlich. Denn ihre Lebensgeschichte ist ­geprägt von Leid und Ungerechtigkeit. Der Stiefvater hat sie von frühester Kindheit an regel­mässig misshandelt. Dazu kamen Hunger sowie weitere seelische und körperliche Gewalt, aus­geübt von ihrer leiblichen Mutter und vom Stiefvater. Die Polizei befreite Flück aus dieser Situation. Sie war damals neun Jahre alt und kam in eine Pflegefamilie. Ihr Stiefvater wurde später für die Vergewaltigung von elf Mädchen verurteilt.

 

Doch damit endete die Leidensgeschichte noch lange nicht. « Wir Mädchen, die als Kind ver­gewaltigt wurden, wurden auf vielerlei Art diskriminiert », sagt Flück. So musste sie beim psychologischen «Szondi-Test» schwarzweisse Porträt-Fotos von unbekannten Menschen nach Sympathie beurteilen. Aufgrund dessen wurde eine Beurteilung gemacht, « Trieb-Diagnostik » ­genannt. « Psychologen, Ärzte und Behörden ­haben mir immer wieder gesagt, dass ich schuld sei am Missbrauch », erzählt Flück.

 

Auch die Pflegemutter hat das Selbstbewusstsein der jugendlichen Flück mit verschiedenen Aus­sagen immer wieder geschwächt. Sie war Psycho­login und Heimerzieherin und glaubte an die « Trieb-Diagnostik » des « Szondi-Tests ». Deshalb hat sie es ihrer Pflegetochter dann auch verweigert, eine Ausbildung zu machen. Flück wollte Krankenschwester werden.

 

Mutter mit Herz und Seele
Flück blieb ohne Ausbildung, machte Gelegenheits-Jobs. Eine Saison hier, eine Saison da. Dann heiratete sie und wurde Mutter. In der Mutterrolle blühte sie auf. « Ich habe versucht, den Kindern all das zu geben, was ich nie hatte », sagt sie.

 

Als ihre beiden Kinder rund zehn Jahre alt waren, liess sie sich scheiden. Aufgrund der früheren psychologischen Tests wollten die Behörden ihr das Sorgerecht nicht geben. Flück kämpfte und gewann. Die Kinder blieben bei ihr. Diskrimi­nierung erlebte sie aber weiterhin. Zum Beispiel sagten Sozialarbeiter*innen des Jugend-Sekretariats ihrer damaligen Wohngemeinde : « Es ist ja schon komisch, dass die Kinder so intelligent sein sollen – mit einer solchen Mutter. »

 

Kampf für die Gerechtigkeit
Flück setzt sich dafür ein, dass die Traumata und Schicksale aufgearbeitet werden, die veraltete psychologische Tests und fürsorgerische Zwangsmassnahmen verursacht haben. Dazu arbeitet sie mit Historiker*innen zusammen. Sie selbst hat inzwischen offizielle Entschuldigungen vom Bund, von der Stadt Zürich und von der Gemeinde Effretikon bekommen. Offizielle Entschuldigungen, die ihr viel bedeuten : « Sie machen es mir möglich, ein Stück weit loszulassen. »